Evangelische Kirchengemeinde Köngen
 
 
 
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202200807
07.08.2022
Gottesdienst zu Doreen und Philip Potter
Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. (Eph 5,8.9) − so fordert uns der Wochenspruch auf.
In wenigen Wochen beginnt in Karlsruhe die 11. Vollversammlung des ökumenischen Rates der Kirchen.
Philip Potter wurde vor 50 Jahren zum 3. Generalsekretär gewählt.
Seine Frau war die jamaikanische Komponistin Doreen Potter. Ein Lied von ihr steht in unserem Gesangbuch: „Kommt mit Gaben und Lobgesang“.
Die beiden und ihr Lied stehen heute im Mittelpunkt des Gottesdienstes.
Lesung aus der Bibel: Matthäus 5, 13−16
13Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.
14Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.
15Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.
16So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.
Einführung ins Lied:
Bunt und vielfältig ist unser nun schon über 25 Jahre altes Gesangbuch. Darin finden sich Lieder, die seit Jahrhunderten deutsche Menschen begleiten: „Geh aus mein Herz“, „Jesu geh voran“ und an Weihnachten „Vom Himmel hoch“.
Heute singen wir vor allem Lieder, die erst in den letzten Jahrzehnten entstanden sind, als durch die weltweite ökumenische Bewegung, Christinnen & Christen aus allen Erdteilen zusammenkamen, um Gottesdienste zu feiern und über den Glauben zu sprechen.
Viel Neues haben Menschen aus Deutschland und Europa von diesen Treffen mitgebracht − neue Gedanken und neue Lieder. Dieses Jahr ist die ökumen. Vollversammlung in einigen Wochen erstmals in Deutschland, in Karlsruhe.
Ein Lied hat es mir besonders angetan: es ist der Abendmahls−Calypso: Kommt mit Gaben und Lobgesang. (EG 229)
Zunächst war da nur eine Melodie: hören wir sie einmal!
Doreen Potter hat ein Volkslied ihrer Heimat Jamaika 1972 neu arrangiert.
Es ist das Marktlied jamaikanischer Bauersfrauen.
47 Jahre alt war Doreen Potter, in Jamaika aufgewachsen, lebte sie mittlerweile schon lange in Europa & Nordamerika. Doch die Musik und der Rhythmus ihrer Heimat trägt ihr Leben und ihren Glauben in der Ferne.
Calypsos sind ursprünglich Protestsongs,
Spottstrophen über alltäglich erfahrene Beschwernisse und Ungerechtigkeiten. Sie werden mit Witz und Ironie vorgetragen und so erträglich gemacht.
Ihr Vater Claude Cousins war methodistischer Pfarrer. Sein Großvater kam von England nach Jamaika. Die Vorfahren ihrer Mutter Ethel Ryan stammen aus Irland. Ihr und den Geschwistern war es auf verschiedene Weisen anzusehen, dass zu beiden Familien auch Menschen afrikanischer und indianischer Herkunft gehörten.
Als Doreen zur Welt kam, betreute der Vater seelsorgerlich die Arbeiter und Ingenieure beim Bau des Panamakanals. Als sie 6 Jahre alt war, kehrte die Familie nach Jamaika zurück. Nun arbeitete der Vater als Landpfarrer.
Er war der Meinung, nur so können wir das entbehrungsreiche Leben der Armen teilen. Ihr Vater wollte keine Privilegien und keinen Komfort. So lebte die ganze ein Leben in großer Bescheidenheit um nicht zu sagen Armut.
Aber anders als die armen Kinder erhielten Doreen & ihre Geschwister eine gute Schulbildung & Musikunterricht.
Die Musik war Doreens Welt. Sie lernte Violine & Klavier.
Sie liebte die gefühlvollen methodistischen Lieder.
„Sie hat sie nicht nur gesungen, sondern oft hat sie dazu getanzt.“ So lebte sie als Kind des Lichts, die anderen das Leben erhellte.
Reinhild Traitler, eine Österreicherin, die viele Jahre Mitarbeiterin des ökumenischen Rates der Kirchen war, erzählt über Doreen Potter: „Sie ist mir vor allem aufgefallen, weil sie an einem Tag geradezu elegant daherkommen konnte und am nächsten in völliger Selbstvergessenheit in irgendetwas steckte, das überhaupt nicht zusammenpassen wollte. Kleider waren ihr einfach nicht besonders wichtig.
Wir haben miteinander gesungen.
Lieder zu singen, selbst Musik zu machen und dazu zu tanzen, gehörte damals in der Karibik noch zu jedem Treffen im Freundeskreis, es war Unterhaltung und zugleich Solidarisierung:
Wir haben die Lieder der verschiedenen Inseln gesungen. Ich habe diese Lieder beim Singen gelernt, ohne sie zu verstehen. Bei den Sing−Ins bei Potters wurde daneben immer auch eine von Doreens neuen Kompositionen gesungen, etwas, das ausprobiert werden sollte. Denn Doreen wollte eine Musik zum Mitmachen − so fand sie ihren unverwechselbaren karibischen Musikstil.“
Singen wir ihr Lied: Kommt mit Gaben und Lobgesang
Liebe Gemeinde,
fröhlich und beschwingt klingt dieses Lied. Es möchte uns mitreißen: das Lob Gottes, der Dank für Jesu Güte und Freundschaft gilt mir und dir und allen Menschen. Im Abendmahl dürfen Menschen es erleben: Jesus lädt alle ein und beschenkt uns. Es kann uns gut gehen, wir atmen auf. Wir lassen andere teilhaben an unserem Glück. Vor Freude jubeln, aufatmen, das Leben als Geschenk Gottes annehmen, teilen und weiterschenken − dazu will uns Doreen Potter, die Komponistin aus der Karibik bewegen. So können wir wie sie Licht der Welt und Salz der Erde sein.
Was verbindet ihr, was verbinden sie mit dem Wort Karibik?
Blauer Himmel, Sandstrände und Meer?
Urlaub und faulenzen?
Die Dominikanische Republik ist zu einem begehrten Reiseziel geworden.
Die andere Hälfte dieser Insel ist Haiti − das ärmste Land der Welt.
Zur Karibik, ihren vielen großen & kleinen Inseln gehören: neben Sonne und Strand − viel Hunger und Elend, Kinder, die nicht zur Schule gehen können; kaum Arbeit, kein Geld, um etwas zu kaufen.
Das Leben ist bis heute geprägt durch die Geschichte der sog. Eroberung und der Beherrschung durch fremde Nationen. Der christliche Glaube gehört für Doreen & Philip Potter und viele Menschen dort zum Leben. Durch die weltweite ökumenische Bewegung lernen wir, die weißen Christinnen und Christen durch Doreen und Philip Potter und andere, die Bibel neu lesen. Wir lernen Gott kennen als einen, der für die Befreiung seines Volkes und das Heil aller Menschen eintritt.
Schauen Sie mal, schaut auf das Liedblatt und die Bilder. Auf den ersten Blick wurde sie, diese zierliche hellhäutige Frau, nicht gleich als Jamaikanerin erkannt anders als ihr Ehemann. Denn ihr tiefschwarzes Haar trug sie glattgekämmt.
Auch in der Karibik zählte es, weiß zu sein! Sie war nachdenklich und zurückhaltend; sprach wenig, schien aber auf eine ganz einfache Art immer das Richtige zu sagen. Ihr Kompositionsstil ist Ausdruck ihrer Persönlichkeit.
Ihre Gabe war es schlichte, gehaltvolle Melodien zu schaffen.
Nur der Rhythmus knüpft an an die Heimat Jamaika, die Doreen − um der Musik, um ihres Mannes Philipp Potter und letztlich um Christi Willen verlassen hat.
Manchmal sprach sie später noch im ländlichen Dialekt Jamaikas, mit der Begründung: „weil es rhythmischer ist“. Doreen war "fast weiß" und heiratete dann einen "Schwarzen" − für ihre amerikanische Verwandtschaft schwer verständlich. Ihr Mann, der dunkelhäutige Philip Potter stammt aus Dominica, einer anderen kleinen karibischen Insel. 1944 hatte Doreen ihn in Kingston, der Hauptstadt Jamaikas kennengelernt, wo sie Musik studierte.
„Wir haben über Musik geredet“, erinnert sich Philip, aber eine Romanze war es nicht, eher eine größer werdende Vertrautheit, die ein vorläufiges Ende fand, als der junge Pfarrer 1947 nach England ging.
Philip Potter war ein Jahr später 1948 bei der Gründung des ÖRKs als Sprecher der Jugenddelegation auf der Gründungsversammlung in Amsterdam.
Er kritisierte damals die Unfähigkeit der Kirchen ihre Spaltungen zu überwinden und sagte etwas, was auch heute meines Ermessens nach noch gilt: „Die Zeit ist gekommen, dass die Kirchen in aller Liebe miteinander über die Hindernisse reden, die die Gemeinschaft unter uns verhindern, was dazu führt dass Männer und Frauen, vor allem aber die Jugend uns davonlaufen.
Was wir brauchen, ist weniger ökumenisches Verständnis als ökumenischen Gehorsam!“

Als Doreen 1951 nach England geht, war Philip schon weitergezogen und nun Landpfarrer in Haiti. Immerhin schrieb sie ihm, dass sie nun in England Musik studierte. Doreen war eine sehr sanfte, sehr liebevolle Person, aber unter dieser Sanftheit verbargen sich ein außerordentlich starker Wille und eine große Bestimmtheit. Was sie sich vornahm, führte sie aus. Doreen wollte nach England, um an der königlichen Musikakademie weiter zu studieren − ein fast unmögliches Vorhaben für eine junge Frau aus der Karibik. Für die Tochter eines Landpfarrers im hintersten Winkel des Commonwealth muss der Gedanke damals größenwahnsinnig gewirkt haben.
Zum Studium nach England gingen damals höchstens die begabten oder begüterten jungen Männer aus den Kolonien. Doreen‘s Einkommen und das der Familie reichte nicht. Aber sie hat ein privates Darlehen aufgetrieben, weil sie unbedingt Kirchenlieder komponieren lernen wollte.
Im November 1954 haben die beiden sich verlobt. Vielleicht ist ihnen in der fremden Umgebung klar geworden, was sie verbindet: eine Liebe, aber auch ein gemeinsames Schicksal, die Erfahrung, dass es nicht möglich war, auszusteigen aus der Vergangenheit ihrer Völker, dass es nur den Weg nach vorne gab, in eine andere Zukunft. Es waren die Fäden der gemeinsamen Kultur und des gemeinsamen Glaubens, die das Band der Liebe zwischen den beiden webten.
Hätte Doreen nicht ein wenig mehr Kalkül an den Tag legen können, wo sie schon die Chance hatte, "ganz weiß" zu werden, in der nächsten Generation ganz aufzusteigen zu jener Hautfarbe, die immer noch die Voraussetzung für ein halbwegs menschenwürdiges Leben ist?
Doch solch eine Berechnung verachtete sie. Sie und ihr Mann teilten miteinander das Leiden, den Schmerz der Unterdrückung und setzten sich ein für mehr Gerechtigkeit zwischen den Völkern.
Aus Doreen Cousins wurde Mrs. Potter, Philips Frau, die seiner Arbeit, seinen Freunden, seinen Vorhaben nachzog: New York, Genf, London, später wieder Genf, wo er als Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen tätig war von 1972−1984. Immer wieder musste sie ihr Leben an neuen Orten neu organisieren.
Wie kaum ein anderer prägte Philip Potter die ökumenische Bewegung. Der Mann aus der Karibik war der erste Vertreter des Südens an der Spitze des Weltkirchenrates. Sein Wirken fiel in die Zeit des Kalten Krieges. Er stellte auch Fragen an das internationale Finanzsystem aus biblischer Sicht und warnte vor einem spekulativen Spielkasino−Kapitalismus. Dabei sei er auch regelmäßig zwischen die Fronten geraten. Er war einer der Motoren der ökumenischen Bewegung im 20. Jahrhundert in ihrem Streben nach Einheit, Gerechtigkeit und Frieden. Die evangelische Theologin Margot Käßmann schrieb:
„Philip Potter war eine Art ‘Held‘ für mich. Der Ökumenische Rat der Kirchen mit seinem Programm zur Bekämpfung des Rassismus und seinem Eintreten für Frieden und weltweite Gerechtigkeit hat mich als Theologiestudentin begeistert.
Und Philip Potter war das Gesicht, die Persönlichkeit, die dieses Engagement verkörperte“
.
Doreen Potter musste ihren Mann nicht nur mit Christus sondern auch mit der weltweiten Christenheit teilen − es war sicher kein leichtes, wohl oft auch ein einsames Leben. Sie bewarb sich 1958 bei der renommierten internationalen Schule in Genf um die Stelle einer Musiklehrerin. „Aber Ende der fünfziger Jahre war die Schule noch fest in britischen und amerikanischen Händen: Eine westindische Musiklehrerin, selbst mit dem Abschluss der Royal Academy of Music in der Tasche, passte nicht ins Bild“. Sie bekam diese Stelle nicht.
Doreen wurde eine schwarze Frau, empfindlich für das leiseste Unrecht des Rassismus: dass Menschen wegen ihrer Herkunft schlechter behandelt wurden und später setzte sie sich auch, mit aller Leidenschaft, gegen das Unrecht der Ungleichbehandlung von Frauen und Männern. Sie hat sich für Gerechtigkeit vor allem für Frauen aus der sog. Dritten Welt eingesetzt und später auch für die Ordination von Frauen in der anglikanischen Kirche.
Heute kann ich das zum einen immer noch nicht − und umgekehrt auch nicht mehr nachvollziehen, welche Ungerechtigkeit und welches Herabblicken auf Menschen anderer Hautfarbe auch in christlichen Kreisen Europas in den 60ziger und 70ziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch üblich war.
Doreen und Philip Potter trugen in ihren Körpern die Jahrhunderte der Kolonial− und Sklavengeschichte ihrer karibischen Heimat mit sich. In der Karibik haben sich alle Europäer getummelt: Spanier, Franzosen, Engländer, Holländer, Dänen, da wurde die Welt erobert und nochmals erobert, gekauft und verkauft − ein unvorstellbares Leiden für die Völker dieses Weltteils.
Der Dominikaner Bartolomé de las Casas formulierte damals schon die Einsicht:
es war Christus selbst, der in den gefolterten und geschändeten Indianern leiden musste!
Der Preis, den die angeblich entdeckten Menschen bezahlen mussten: 3 Millionen Caribikindianer starben innerhalb weniger Jahre. Danach Menschen aus Afrika verschleppt und als menschliche Maschinen verbraucht. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 40 Millionen Menschen aus Afrika versklavt wurden. Aber nur jeder Vierte überlebte die Gefangennahme in Afrika, die Torturen der Verschleppung vom Inneren Afrikas an die Küsten und schließlich die grausamen Strapazen der Überfahrt. Später kamen Menschen aus anderen Kontinenten.
Philip Potter sagte:
„Wir sind die Nachkommen derer, die überlebt haben. Wir sind die Reste der Indianer, der Sklaven, der Fronarbeiter, die aus Indien und China kamen, nach der Aufhebung der Sklaverei 1834, als die Schwarzen nicht mehr in den Plantagen arbeiten wollten, um keinen Preis mehr.“
Beeindruckend ist es, dass diese Menschen mit ihrem Mut und ihrer Kreativität, auch dem täglichen Kampf ums Überleben noch einen Calypso−Rhythmus abgewinnen können.
Zwei Lieder mit diesem Rhythmus gibt es nun in unserem Gesangbuch: das Lied von Doreen Potter und ein Vaterunserlied, das Philip Potter beim Abschlussgottesdienst einer ökumenischen europäischen Jugendkonferenz in Lausanne Anfang der 60er Jahre sang.
Fred Kaan dichtete den Text für den Abendmahls−Calypso und lässt uns singen:
Wir freuen uns und teilen diese Freude, dass wir Gott nahe sind, dass seine Liebe Grund unserer Hoffnung ist und uns hilft, gegenseitig annehmen und füreinander einzutreten. Weltweit eint uns Jesus Christus! Die Liebe Gottes, die im Abendmahl besonders greifbar wird, ist der Ausgangspunkt für den Jubel und die Dankbarkeit − Grundton und Grundtenor des Liedes von Doreen Potter. Jesus Christus reicht Brot und Wein; fühlbar will er uns nahe sein; lehrt uns leben von Gott bejaht!
Eine Liebe, durch die wir das Leben und seine Beschwernisse zuversichtlicher angehen können.
Die Musik und ihr Glauben haben das Leben von Doreen Potter bestimmt. Sie übernahm in Genf den Chor der schottischen Kirche und gründet im ökumenischen Zentrum ihren eigenen Chor. Mit der unbeirrbaren Frömmigkeit der Landpfarrerstochter und mit ihrer Liebe zur Musik hat sie sich nicht entmutigen lassen, als die Säkularisierungswelle auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im ökumenischen Zentrum überrollte, und jede herkömmliche Rede von Gott suspekt machte.
„Ihr ist es zu verdanken, dass damals die Kapelle im ökumenischen Zentrum nie ganz leer wurde“, meint Philip. „Dann übernahm sie eine anspruchsvolle Aufgabe: Das ökumenische Gesangbuch "Cantate Domino" von 1924 sollte überarbeitet und der Liedschatz nun wirklich ökumenisch werden, nicht nur westlich geprägt. Im Team mit dem englischen Kirchenmusiker Eric Routley und dem deutschen Kirchenmusiker Dieter Trautwein arbeitete sie. Viel Geduld war nötig, bis der vielfältige Liedschatz beisammen war: Lieder in vielen Sprachen: Yoruba, Bahasa Indonesia, Hindi, Tamil, Haussa; die klassischen Hymnen der Christenheit, so etwa das lateinische Adeste Fideles wurden übersetzt auch in japanisch und in arabisch, und bis wir "Lobe den Herren" nicht nur in Deutsch singen konnten, sondern auch in Suahili“.
„Doreen steuerte von Anfang an Melodien bei, die der karibischen Kultur entsprachen und erkennen ließen: die Zeit der Einbahnstraße von den Europäern und Nordamerikanern zu den ":Eingeborenen" in Afrika und Mittelamerika ist vorüber. Sie betreute das Notenmaterial, bereitete das Manuskript zum Druck vor und sorgte für das Erscheinen im Jahr 1974. Auch das alles war freiwillige Frauenarbeit, aber eine, die Doreens Gaben entsprach. Sie versucht vieles zusammenzuhalten: ihr Engagement und die tief verankerte Treue zu ihrem Mann, der in seiner Amtszeit als Generalsekretär ihre Unterstützung nötig hat.
Dabei blieb sie ein Leben lang auch auf der Suche: Miteinander und voneinander lernen wir; können einander weiterhelfen, wo Zweifel quält, können manchmal nicht mehr als miteinander aushalten, wenn Leid nicht abwendbar ist.
Für ein Lied hat Doreen Potter auch den Text geschrieben
Jesus, wo lässt du dich finden hier in unsrer Welt?
Jesus, wo lässt du dich finden, Wort, das uns erhält?
Jeder Vers besteht aus Fragen:
Jesus, in den Händen des Arztes spüren wir dich dort?
Jesus, in Worten gepredigt − hören wir dich dort?
Jesus, im Geist unsrer Mächt‘gen wissen wir dich dort?
Jesus, im Ziel unsrer Planer − finden wir dich dort?
Jesus, im Schaffen der Künstler fühlen wir dich dort?
Jesus, im Werk der Erbauer − sehen wir dich dort?
Jesus, im hungrigen Nachbarn sehen wir dich dort?
Jesus, im Blick der Gefang‘nen − sehen wir dich dort?
Jesus, im Antlitz der Kinder sehen wir dich dort?
Jesus, in all deiner Schöpfung − finden wir dich dort?
Der Kehrvers gibt die Antwort:
Öffne dein Herz, sieh den Bruder,
öffne dein Herz, sieh die Schwester. Sieh, hör und hilf!
Aufeinander zu hören und miteinander zu leben heißt auch miteinander zu teilen: Wahre Liebe schenkt Wort und Tat!
Auf dem Kirchentag 1979 in Nürnberg sang und tanzte eine strahlende, fröhliche Doreen Potter mit Fred Kaan und 6000 Menschen die neuen Lieder aus der Ökumene. In den Singpausen rief sie die Anwesenden auf, Protestkarten gegen das Regime in Südafrika zu unterzeichnen, denn Wort und Tat − Lied und Tat gehören für sie zusammen. In allen Strophen des Liedes kommt dies zum Ausdruck: Teilt das Brot! Wir sind erwählt, Frucht zu bringen, wo Zweifel quält. Gott gibt uns Wort und Brot für die Welt.
Eine ihrer tiefsten Glaubenserfahrung lautet: Gottes Liebe und die Liebe unter den Menschen nur in Gemeinschaft erfahrbar!
Ihr selbst blieb nicht mehr viel Zeit, den und die andere zu sehen und sich zu engagieren. Kurze Zeit nach dem Kirchentag hat eine Ärztin bei ihr ein Tumor in der Brust festgestellt. Ein Jahr lang hatte ein Genfer Frauenarzt ihre eigenen Beobachtungen bagatellisiert, ihre Angst belächelt. Diese Fehldiagnose verantwortet wahrscheinlich ihren frühen Tod. Als sie endlich operiert wurde, hatte der Tumor schon metastasiert. Sie durfte noch erleben, dass die Musikausgabe zum ökumenischen Gesangbuch Cantate Dominum, an dem sie mitgearbeitet hatte, im Mai 1980 veröffentlicht wurde. Deren Fertigstellung hatte sie im letzten Jahre ihres Lebens im wahrsten Sinn des Wortes auf den Beinen gehalten. Sie ist am 24. Juni 1980 gestorben. In das Haus in der Karibik, wo sie mit ihrem Mann den Lebensabend verbringen wollte, kehrte sie nicht wieder heim.
Philip Potter heiratete 1985 Bärbel Wartenberg−Potter, eine württembergische Pfarrerin. Nach Philip Potters Pensionierung zogen die beiden nach Jamaika und lehrten beide an der Universität in Kingston Theologie. Nachdem Bärbel Wartenberg−Potter 2001 zur Bischöfin von Lübeck gewählt worden war, lebten sie in Lübeck, wo Philip Potter 2015 mit 93 Jahren starb.
Vielleicht mag es heute dem einen oder der anderen von ihnen zu wenig Predigt und zu viel Lebensgeschichte gewesen sein − doch: Ich lerne glauben und leben durch das Vorbild anderer; durch die Anteilnahme an ihrem Leiden und ihren Kämpfen, durch den Blick auf ihren Glauben und ihre Hoffnungen, durch Worte und Melodien, die sie ermutigt und herausgefordert haben den Glauben zu leben und Licht der Erde und Salz der Welt zu sein.
Wagen wir noch eine andere Melodie von Doreen Potter ebenfalls mit dem im Original englischen Text von Fred Kaan:
Einander aufzunehmen, wie Du es hast getan:
geschwisterlich zu leben, jeder mit jedermann.
Herr, sei hier gegenwärtig und leg uns ständig nah:
wir, von Dir aufgenommen, wir sind zum Lieben da
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Amen.